Erstmals Soja nach Basler Kriterien in Österreich

17.04.2008 - Quelle/Text: World Wide Fund for Nature

Zwei der bedeutendsten österreichischen Futtermittelimporteure führen erstmals Soja ein, welches nach den von WWF und der Schweizer Handelskette Coop entwickelten „Basler Kriterien“ produziert wird. Dieser umwelt- und sozialverträgliche Sojaanbau soll die Regenwälder in den Anbaugebieten schützen und gleichzeitig den dort lebenden Menschen Arbeit und Einkommen sichern helfen.

Weltweit steigender Fleischkonsum fördert industrielle Landwirtschaft und steigenden Futtermittelbedarf

Gerodete Regenwaldfläche
Gerodete Regenwaldfläche: Für den Anbau von Soja werden in großem Stil Flächen in den Tropen gerodet und Ökosysteme zerstört.

Durch den steigenden Fleischkonsum und das Fütterungsverbot für tierisches Eiweiß seit der BSE-Krise hat sich in den letzten zwanzig Jahren die weltweite Sojaproduktion auf 227 Mio. Tonnen verdoppelt; 85% davon werden für Tierfutter verwendet. Knapp 600.000 Tonnen gelangen jährlich nach Österreich.

Die größte Zunahme von Sojaanbauflächen gab es in den letzten zehn Jahren in Südamerika. Mit dramatischen Folgen: Tropische Wälder werden dafür abgeholzt, Grundwasser durch Pflanzenschutzchemikalien verschmutzt, Kleinbauern teils mit Gewalt von ihrem Grund vertrieben.

Umdenken im Futtermittelhandel hat begonnen

Das österreichische Handelshaus Pilstl und Raiffeisen Ware Austria haben erste Schiffsladungen mit rund 2.200 Tonnen nach Pro Terra-Standard zertifiziertem Sojaschrot erhalten. Der ProTerra-Standard erfüllt die von Coop und WWF im Jahr 2004 entwickelten Basler Kriterien für einen umwelt- und sozialverträglichen Sojaanbau und ist damit weit mehr als nur gentechnikfrei.

„Diese beiden Beispiele lassen auf ein verstärktes Umdenken am österreichischen Markt hoffen“, meint WWF-Nachhaltigkeitsexperte Mag. Georg Scattolin. „Soja ist heute aufgrund seiner physiologischen Eigenschaften ein Basisrohstoff für viele Produkte, ein wichtiges Futtermittel und stellt zudem für die Produzentenländer eine bedeutende Einkommensquelle dar. Die konventionelle Sojaproduktion ist aber auch für enorme ökologische und soziale Missstände verantwortlich“.

„Meist ist uns nicht bewusst, welche gewaltigen ökologischen und sozialen Auswirkungen unser Konsumverhalten fernab von Österreich hat. Auch ist es für den Konsumenten beim Kauf von Fleisch- und Milchprodukten fast unmöglich, zu erkennen, welche Art von Futtermittel eingesetzt wurde. Deshalb sind Handelsketten und Futtermittelimporteure aufgerufen, ihre Verantwortung wahrzunehmen und Nachhaltigkeitskriterien für ihre Sojaimporte zu erfüllen", betont Scattolin.

Der WWF appelliert ebenso an die Anbieter von Fleisch- und Milchprodukten in Österreich und Europa, Stellung zu beziehen und regenwaldfreundliches Soja nach Basler Kriterien zu verlangen. Der Weltmarkt bietet jährlich mehr als 2,1 Mio. Tonnen Soja nach Basler Kriterien. Der österreichische Bedarf von rund 600.000 Tonnen zur heimischen Futtermittelproduktion wäre damit abdeckbar.

Die Basler Kriterien im Überblick

  • Keine Umwandlung von Primärvegetation und Flächen von hohem Schutzwert in Ackerland nach 2004. Bei Umwandlung zwischen 1995 und 2004 müssen Kompensationsmaßnahmen erfolgen.

  • Kein Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut.

  • Erhaltung der Boden- und Wasserqualität durch Anwendung geeigneter Anbaumethoden.

  • Einhaltung von Sozialstandards wie existenzsichernden Löhnen, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit.

  • Lückenlose Rückverfolgbarkeit und unabhängige Kontrolle über die ganze Warenflusskette.

Dabei sind zwei Zertifizierungen von Bedeutung:

  • ProTerra von Cert-ID

  • GrünPass von IQS / TÜV Rheinland

Der WWF bescheinigt beiden Standards, die wichtigsten Anforderungen der Basler Kriterien zu erfüllen – allerdings mit der Einschränkung, dass beim „GrünPass-Standard“ gentechnisch verändertes Soja kein Ausschlusskriterium ist.

Es gibt auch Kritik: 'Tropenwaldfreundliche' Soja sei Etikettenschwindel

Der Agronom Adolfo Boy aus Buenos Aires hatte vor zwei Jahren bereits erklärt, weshalb es keine industriell produzierte „nachhaltige“ Soja geben könne. Er kritisierte ein Projekt des WWF Schweiz gemeinsam mit Coop und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO): „Das Projekt verfolgt das Ziel, die Zerstörung von wertvollen Wäldern und Savannen in Lateinamerika aufzuhalten, welche durch den starken Anstieg des Sojaanbaus bedroht sind.“

„1999 hat man in Argentinien erst zwei bis drei Millionen Hektar Soja angepflanzt. 2006 sind es bereits fünfzehn Millionen Hektar - das ist weit mehr als die Hälfte des nutzbaren Ackerlandes.“ Milchfarmen, Fleischproduktion und traditionelle Landwirtschaftsprodukte seien verdrängt worden.

Der WWF fördere zwar Soja, die nicht gentechnisch verändert sei, der Anbau erfolge aber ebenso in industriellen Größenordnungen: „Die Leute haben keine Arbeit mehr: Um 500 Hektar Soja anzubauen, braucht es noch eine einzige Person. Und das Land kann sich nicht mehr selbst versorgen, weil überall nur noch Soja steht. Das alles nur, um Europa mit billigen Futtermitteln zu beliefern.“

Sogar die Sozialsysteme seien vom Sojaanbau abhängig: „Der Staat erhebt auf exportierte Soja Zölle. Mit diesen Einkünften finanziert die Regierung die Arbeitslosengelder oder Lebensmittelhilfe für die Ärmsten.“ PolitikerInnen würden es deshalb nicht wagen, etwas gegen den Sojaanbau zu sagen.

Der WWF versucht, das Machbare zu tun

Der WWF äußert Verständnis für Adolfo Boys Kritik. Es sei wirklich ein Problem, dass 85 Prozent der gesamten Sojaproduktion als Tierfutter verwendet würden. Boy spreche jedoch die ganz großen Fragen an, die der WWF auch nicht beantworten könne. „Es gibt keine perfekte Welt“, sagt Jennifer Zimmermann, die sich beim WWF mit dem Projekt beschäftigt:

„Manche Leute sind der Ansicht, wir dürften gar nicht mit den großen Produzenten reden. Aber unser Ansatz ist ein pragmatischer: Wir wollen die Produktion in eine nachhaltigere Richtung lenken, um die Naturflächen zu erhalten, die schützenswert sind. Was sollen wir sonst tun? Gar nichts, weil man die globale Entwicklung nicht stoppen kann? Und dann gibt es in zehn, zwanzig Jahren überhaupt nichts mehr zu schützen!“

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