Jüngst erteilte der Umweltausschuss des Brandenburger Landtages eine Abschussfreigabe für Nebelkrähen und Elstern. Diese Rabenvögel würden sich, weil sie angeblich keine natürlichen Feinde hätten, zu stark vermehren und seltene Singvögel sowie Niederwild dezimieren. In meinem Artikel „Zur Abschussfreigabe von Nebelkrähen und Elstern" empfahl ich den Ausschussmitgliedern im Vorfeld ihrer Entscheidung die Einholung eines klugen Rates von Ornithologen. So hätten sie sich derartige Peinlichkeiten an Unkenntnis erspart.
Jetzt berichtet die Märkische Oderzeitung über Kolkraben, die in Groß Schönebeck nach Angabe von Landwirten sechs Kälber getötet haben sollen. Dies klingt nicht weniger abenteuerlich. Denn die Experten Prof. Dr. Dieter Wallschläger und Dr. Angelika Brehme vom Institut für Ökologie der Universität Potsdam haben solch ein den Raben angedichtetes Verhaltensmuster bereits vor Jahren durch wissenschaftliche Studien widerlegt. Nachzulesen im Artikel "Freispruch für die Galgenvögel". Auch der Ornithologe Bernd Heinrich relativiert in seinem Buch "Die Weisheit der Raben" derartige Vorwürfe gegen "Killerraben". Demnach beseitigen Kolkraben als "Kadaver-Recycler" nur kranke oder tote Lämmer und Kälber, sind aber nicht in der Lage, sie zu töten.
Als Kommentator schreibt Norbert Wilke, Vorsitzender der GRÜNEn LIGA Brandenburg, im Barnim-Blog über ähnliche Beobachtungen: „Anfang der 70er Jahre gab es ornithologische Exkursionen nach Mecklenburg. Berliner und Brandenburger Naturfreunde pilgerten in Scharen ins nördliche Nachbarland. In der Nähe der Ivenacker Eichen gab es eine besondere Attraktion - ein Kolkrabenbrutpaar. Der Vogel war in der DDR nahezu ausgestorben. Der Weitsicht vieler Förster und Naturschutzhelfer ist es zu verdanken, dass sich der Vogel wieder vermehren konnte. Sie schützten die Brutplätze der Raben. Kolkraben sind sehr intelligente Vögel, in der germanischen Mythologie sind sie heilige Vögel. In den 90er Jahren gab es die ersten Gerüchte - Jungraben sollen über Mutterkühe und Schafe hergefallen sein. Tagelang beobachtete ich Mutterkuhherden in der Uckermark. Tatsächlich fanden sich hier viele Raben ein. Überfälle auf Tiere habe ich nicht beobachtet, mehrfach jedoch schlechte Weidehygiene. Nachgeburten wurden natürlich von den Raben entsorgt. Verendete Kälber auch. Zwischen dem eingetretenen Tod eines Kalbes und dem ersten Kontakt des Raben mit dem Aas lag oftmals mehr als eine Stunde. Raben haben eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizei. Die Freigabe der Vögel für den Abschuss wäre fachlich unsinnig und würde gegen europäisches Artenrecht verstoßen ".
Was steckt also dahinter, wenn Kolkraben zu Übeltätern gemacht werden sollen? Offensichtlich will die Brandenburger Bauern- und Jägerlobby Druck auf die Politik machen, um nach den Kormoranen, Nebelkrähen und Elstern zum nächsten großen Schlag gegen den Tier-, Umwelt- und Naturschutz auszuholen. Schon 1995 wurde hierzu ein ähnlicher Vorstoß gewagt, der aber ins Leere lief. Scheinbar ist nun der Boden bereitet und die Zeit reif für ein "en garde". Den lästigen Kolkraben, die teilweise in Schwärmen auf Äcker einfallen und den Landwirten die Feldfrüchte wegfressen, soll es endlich an den Kragen gehen. Eine für den Menschen derartige Konkurrenz darf natürlich nicht geduldet werden. Als nächstes würden dann wohl die Stare dran sein, weil sie Kirschbäume plündern. Gründe für den Abschuss sollten sich da wohl immer finden!
Werden die Lobbyisten ihre Ziele, Ausnahmegenehmigungen zum Abschuss oder vielleicht sogar die Aufhebung des Schutzstatus für den Kolkraben, erreichen? Wie wird sich der zuständige Brandenburgische Umweltminister und Jagdscheininhaber Woidke zu dieser Problematik positionieren? Auch die Rolle des Umweltausschusses im Brandenburger Landtag sowie die des Landesumweltamtes dürfte interessant sein. Und was wird die Biosphäre dazu sagen?
Werden diesmal - anders als b |