Klimaschutz: Von der Lösung des ökonomischen Trittbrettfahrerproblems abhängig

07.04.2007 - Quelle/Text: Informationsdienst Wissenschaft online

Nur eine weltweite Zusammenarbeit ist bei der Lösung der globalen Klimaprobleme aus Sicht des Volkswirts Prof. Dr. Alfred Endres, FernUniversität in Hagen, erfolgversprechend. Eine Vorreiterrolle einzelner Staaten oder der Europäischen Union könnte zu einem verstärkten Verbrauch von Ressourcen zur Energiegewinnung bei den übrigen Staaten führen.

Wichtiger als EU-Versprechen: Die Integration von China und USA

Nach dem CO2-Kompromiß von Brüssel sieht der Umweltökonom angesichts der aktuellen Sitzung des Weltklimarats (IPCC) der Vereinten Nationen erhebliche Probleme bei der Umsetzung der Beschlüsse von Anfang März. Wichtiger als das Versprechen der EU, 20 Prozent der Emissionen bis zum Jahre 2020 zu vermeiden, sei der Versuch, die USA und die Volksrepublik China mit ins Boot zu holen.

Konditionierung sinnvoll um andere Staaten zu motivieren

EU-Flagge
Der EU muss es gelingen, weitere Staaten in das Kyoto-Protokoll einzubinden. Nur kann es zu den erwünschten Zielen führen, meint der Haagener Professor.

Grundsätzlich hält der Leiter des volkswirtschaftlichen Lehrgebiets Wirtschaftstheorie die Brüsseler Beschlüsse für bitter nötig, weil die Beschlüsse des Kyoto-Protokolls 2012 auslaufen: "Gut, dass man sich rechtzeitig gefragt hat: Was machen wir dann?" Die Antwort lautet: Die Europäische Union plant die Treibhaus-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken. Und wenn die USA und China mitmachen, sogar um 30 Prozent. Eine solche "Konditionierung" ist für den renommierten FernUni-Volkswirtschaftler sinnvoll, um andere Staaten zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Trittbrettfahrerproblem: Sparen von Umweltinvestitionen und Profitieren von Investitionen der anderen

Aber die Brüsseler Vereinbarungen lösen nicht das Trittbrettfahrer-
Problem: Viele Staaten dürften überlegen, die teure Emissionsvermeidung mehr oder weniger zu sparen und einfach von den Umweltinvestitionen der anderen zu profitieren: "Ein Grundübel globaler Umweltprobleme", bedauert Prof. Dr. Alfred Endres.

Forscher: EU unglaubwürdig

Die Brüsseler Beschlüsse sind überdies bisher weniger konkret als das Kyoto Protokoll. Nach Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls hatten sich die EU-Staaten darauf geeinigt, wie die insgesamt übernommene Vermeidungslast auf die einzelnen Mitgliedsstaaten aufgeteilt werden sollte. Dabei hat sich Deutschland einen großen Teil auf die Schultern geladen. Bei den jüngsten Brüsseler Beschlüssen wurde dagegen bisher nur Einigung über die anvisierte Gesamtreduktion erzielt. Vor einer Einigung über die Lastenverteilung werden noch langwierige Verhandlungen nötig sein.

Richtig und wichtig sei der Versuch, große andere Länder einzubinden, aber weder die USA noch China lassen sich unter Druck setzen. Prof.
Endres sieht zwei andere Möglichkeiten: "Es gibt viele Nichtregierungsorganisationen in den USA und auch einige Bundesstaaten (z.B. Kalifornien), die man einbinden könnte, um internen Druck zu erzeugen."

Einbindung einzelner US-Bundsstaaten und Prüfung des Haftungsrechts als Ansatz

Interessant könnte auch sein zu prüfen, ob man über das Haftungsrecht Unternehmen juristisch und finanziell belangen könnte, die zum Treibhauseffekt beitragen: "Hier käme es darauf an, rechtswissenschaftliche Expertise bereitzustellen. Außerdem käme es auf die Bereitschaft von Nichtregierungsorganisationen in aller Welt an, entsprechende Klagen einzureichen. Damit könnte eine Hebelwirkung auch dann entstehen, wenn die US-amerikanische Regierung sich dem Nach-Kyoto-Prozess weiterhin verweigern würde."

Volkswirtschaftler: Energiepreise müssen steigen

Strom-Hochspannungsleitungen
Über die Energiepreise kann man erwünschtes Verhalten der Wirtschaft anregen, meint der Haagener Prof. Endres

Letztendlich geht es darum, Verhaltensänderungen und Effizienzsteigerungen zu erreichen. Wichtigstes Mittel hierfür sind für den Volkswirtschaftler die Preise für Energie. "Die Energiepreise dürfen nicht sinken, wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen", mahnt er, "auch die externen Kosten müssen in die Preise einfließen."

Ansätze hierfür sieht er bereits beim Handel mit Emissionsrechten und bei den Überlegungen zur Neugestaltung der Kfz-Steuer. Vorreiterrollen einzelner Staaten seien zwar vorbildhaft, brächten konkret aber
nichts: "Das Problem ist global und ein Staat wie z. B. Deutschland zu klein."

Einsparungen führen zu größerer Nachfrage nach Energie in anderen Teilen der Welt

Selbst Einsparungen eines großen Staatenverbundes beim Ressourcen- Verbrauch würden nur beschränkt wirksam. Grund hierfür ist der
"Leakage-Effekt": Wenn die EU ihren Ressourcenverbrauch vermindern würde, würden die Energienachfrage und mit ihr die Gleichgewichtspreise auf den weltweiten Energiemärkten sinken: "Andere Staaten können sich infolge unserer Zurückhaltung mehr Energie leisten- das werden sie auch nutzen."

Für Endres gibt es daher nur eine Lösung: "Mindestens so wichtig wie nationale Anstrengungen beim Sparen sind internationale Kooperationslösungen." Also der Versuch, die großen umweltverschmutzenden Staaten ins Boot zu holen. "Und genau das ist für mich der entscheidende Aspekt der Brüsseler Beschlüsse", betont FernUni-Professor Alfred Endres.

Firmen zu effizienterer Energie-Nutzung motivieren

Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Dr. Bianca Rundshagen und anderen Teammitgliedern hat er sich mit der Frage befasst, wie die Firmen durch den Einsatz umweltpolischer Instrumente dazu veranlasst werden können, Energie effizienter zu nutzen bzw. Emissionen möglichst kostengünstig zu vermeiden.

Initiiert werden kann dies auf verschiedenen Wegen, etwa durch das Haftungsrecht, Auflagen, Abgaben oder handelbare Emissionsrechte.
Diese umweltpolitischen Instrumente sind unterschiedlich wirkungsvoll und für das einzelne Unternehmen auch unterschiedlich interessant. Um volkswirtschaftliche Wünsche betriebswirtschaftlich attraktiv zu machen muss die Politik die Instrumente also geschickt auswählen und den Entscheidern in der Wirtschaft auch noch "schmackhaft" machen.

Doch fehlen den Beteiligten wichtige Informationen - hier widerspricht die Praxis einfachen Theorien, in denen unterstellt wird, dass die Entscheidungsträger über vollständiges Wissen verfügen.

Mathematische Kalkulation zeigt: Emissionshandel am geeignetsten

Gemeinsam mit Professor Dr. Alfred Endres hat Dr. Bianca Rundshagen daher ein Modell entwickelt, in dem dieses unsichere Wissen mathematisch erfasst und berücksichtigt wird. So konnte die Hagener Nachwuchswissenschaftlerin die Folgen der Informationsdefizite beim Vergleich der verschiedenen Instrumente berücksichtigen und Leistungsfähigkeitsprofile für sie entwickeln.

Dabei kam das Forschungsteam zu dem Ergebnis "Der Handel mit Emissionszertifikaten ist am ehesten geeignet, mit Informationsdefiziten fertig zu werden, wenn geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden."

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zippe, 09.04.2007 23:53:56
Wer immer auf den Langsamsten wartet, kommt nie wirklich voran! Man stelle sich nur die Einführung der IT durch inernatonale Abkommen aller Länder vor - völlig nutzlos!!

Wie die Wirkungslosigkeit verwässerter internationaler Beschlüsse zeigt, besteht meiner Ansicht nach in der expliziten Vorreiterrolle einzelner Staaten das größere Potential. Gemeint sind Wissenschaft und Unternehmen, sowie eine Zivilgesellschaft, die durch staatliche Unterstützung stimuliert werden.

Die wirkungsvollsten Klimaschutzmaßnahmen liegen eindeutig einerseites in der Energieeffizienz, sowie andererseit im vollständigen Wechsel zu Erneuerbaren Energien. Darin haben doch gerade die Länder den Technologievorsprung für den kommenden weltweiten Strukturwandel, die als erstes Märkte für diese Technologien schaffen.

Unbestreitbar führend in diesen Bereichen ist Deutschland - und zwar gerade durch diese Vorreiterrolle in Umweltschutzbereichen.

Das wichtigste, was wir Ländern wie China oder Indien zeigen können, ist doch der erfolgreiche Wandel zu einer emissionsfreien, nachhaltigen Wirtschaft. Und zwar nicht durch lahme Papiertiger, sondern durch vorbildlichen und konkreten Umbau unserer sozio-ökonomischen Grundbedürfnisse wie Energienutzung, Mobilität, Wohnen usw.!

Als Ingenieur will ich diesen Zukunftsmarkt mitgestalten! Ich will doch nicht auf träge Vereinbarungen am anderen Ende der Welt warten, sondern hier zukunftsfähige Technologien für eine zukunftsfähige Welt entwickeln und demonstrieren.
EnergieErfinder, 11.04.2007 11:12:39
Energie zu verteuern kann nur kontraproduktiv sein. Günstigere Energie, z.B. mit einer Solarwärmepumpe nach Bammer führt daz, dass der Endverbraucher mehr im Börsel hat, die Betriebe günstiger produzieren können, was wiederum mehr Arbeitsplätze garantiert.
Mehr Arbeitsplätze = mehr leute können wieder konsumieren
Mehr im Börsel = mehr Konsum usw.
umgekehrt helfen wir "zivilisierten" wohl jenen Ländern weiter, welche heute auf Umweltstandards sowieso verzichten und sich einfach darum nichts sch......
Wolfgang von, 17.05.2007 22:04:01
Kommentar zum Artikel von: EnergieErfinder, 11.04.2007 11:12:39
Selbstverständlich kann es schmerzhaft sein Energie zu verteuern, nur auf der anderen Seite möchte ich zu bedenken geben: ein Joghurt Plastikbecher wird annähernd 10000 Km durch das Land geschaukelt bevor er letzendlich gefüllt beim Verbraucher zu einem Spottpreis ankommt. Gemüse, Obst usw. usw. wird quer durch Europa gefahren und kann dann trotzdem hier in den Verbrauchermärten noch günstiger angeboten werden, wie wir es hier in Deutschland produzieren können. Wir sollten uns lieber fragen, müssen wir zu jeder Zeit alles auf unserem Tisch haben oder sollten wir versuchen mit den jahreszeitlichen Möglichkeiten auszukommen? Müssen Pferde lebend von der Ostgrenze Europas nach Frankreich gekarrt werden um sie dort zu schlachten? Wenn wir die damit verbundene Tierquälerei einmal nicht außer acht lassen, stellt sich mir doch die Frage: muß nicht die Energie so teuer werden, daß sich ein Lebendtransport nicht mehr lohnt? Dieses sind nur ganz, ganz wenige Beispiele die ein Nachdenken über die derzeitige Energiepolitik immer wieder nötig machen.

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